Wenn das Vibrieren nicht auf einer Unwucht beruht

10.05.2026  Von Dipl.-Ing. (FH) Kfz-Technik Peter Diehl - 4 Min Lesedauer


Eine Kundenbeschwerde wegen Vibrationen muss nicht zwangsläufig auf eine Unwucht der Räder hindeuten. Auch ein Höhenschlag oder eine inhomogene Gummimischung können ursächlich sein. Wichtig sind genaues Hinsehen und die passende Werkstattausrüstung.

Dem Cabriolet der Corvette-Baureihe C2 wurden bei einer verschleißbedingten Umbereifung vier neue Reifen mit Höhenschlag montiert. An der Fehlerdiagnose waren drei Werkstätten beteiligt. Erst die dritte Werkstatt hatte Erfolg.

Nicht gerade wenigen Kunden muss der Grund des Räderwuchtens ausführlich erklärt werden. Und selbst dann wird oft mit Nachfragen und ungläubigen Blicken reagiert. Nicht so solche Kunden, deren „Popometer" ein Vibrieren des Fahrzeugs verspürt und die deshalb eine Werkstatt aufsuchen. Hat es die Werkstatt versäumt, nach dem Reifenwechsel eine Probefahrt zu unternehmen, kann es sich dabei um eine Reklamation handeln. So geschehen im Sommer vergangenen Jahres bei einem Chevrolet Corvette Cabriolet der Baureihe C2. An der Ursachenforschung waren insgesamt drei Werkstätten beteiligt, davon zwei erfolglos.

Der Münchener Stadtteil Großhadern an einem Montagabend. Traditionell findet in einer dortigen Gaststätte der Clubabend der ASC-Landesgruppe Südbayern statt. Das Kürzel steht für Allgemeiner Schnauferl-Club, ein im Jahr 1900 gegründeter und heute bundesweit aktiver Zusammenschluss von Oldtimerenthusiasten.

 

 

Ein ASC-Mitglied und Corvette-C2-Besitzer klagt dem Technikreferenten der Landesgruppe sein Leid. Bereits vor gut zwei Jahren hat er das selten genutzte Cabriolet verschleißbedingt neu bereifen lassen. Weil jedes Detail stimmen soll und das Fahrzeug 1965 das Herstellerwerk mit sogenannten Goldline-Reifen verlassen hat, sollen es auch wieder Reifen mit gold-orangefarbigem Inlay sein. Dimension: 205/75 R15. Dabei hat der Besitzer keine große Auswahl und greift zu Reifen des Herstellers BF Goodrich. Ausführende Werkstatt ist ein bundesweit bekannter Oldtimerreifen-Spezialist.

Doch der Fahrzeugbesitzer hat keine Freude an den neuen Reifen. Bereits beim Verlassen der Werkstatt spürt er ein Vibrieren im Geschwindigkeitsbereich 80 bis 100 Kilometer pro Stunde. Weder die mit dem Reifenwechsel beauftragte Werkstatt noch ein später aufgesuchter zweiter Kfz-Betrieb können das Problem lösen. Nachdem sich der Besitzer fast mit dem Vibrieren abgefunden hat, sucht er Hilfe beim Technikreferenten seiner ASC-Landesgruppe.

Und der weiß Rat, denn kurz zuvor hat er in der Werkstatt des Autohauses Frisch in Forstinning bei München zwei neue Reifenservicemaschinen des US-Werkstattausrüsters Hunter gesehen. Die Inhaberfamilie Frisch hat hierfür einen hohen fünfstelligen Eurobetrag investiert. Bei einer der Maschinen handelt es sich um eine Räderwuchtmaschine mit Tastrolle als Zusatzfunktion. Bezeichnung: Road Force Elite.

Nach dem Aufspannen und Prüfen der vier Corvette-Räder auf der Wuchtmaschine zeigt sich durch die Tastrolle, dass die Ursache des Vibrierens nicht in einer Unwucht oder gar in mehreren Unwuchten liegt. Vielmehr werden Höhenschläge diagnostiziert, und zwar an allen vier Reifen. Höhenschläge, die Radialkräfte von bis zu 160 Newton verursachen und die mit bloßem Auge sichtbar sind. In den beiden zuvor beauftragten Werkstätten hätte man beim Wuchten auch auf einer konventionellen Maschine also nur genau hinsehen müssen, um die vier Reifen als „Schrott ab Werk" einzustufen. Dennoch erwies sich die Wuchtmaschine mit Tastrolle als vorteilhaft, nämlich wegen der unbestreitbaren Dokumentation der Fehlerdiagnose.

Weil es sich beim Autohaus Frisch nicht um einen expliziten Oldtimerspezialisten handelt, wurde bei der Auswahl neuer Reifen das Unternehmen Oldtimer Service & Reifen HKT aus Wiggensbach bei Kempten als Ratgeber und Reifenlieferant hinzugezogen. Dessen Empfehlung lief auf Reifen des britischen Herstellers Avon hinaus, die jedoch nur in der Dimension 215/70 R15 und ohne Goldline-Inlay lieferbar waren. Abgesegnet von der Prüfstelle Ebersberg des TÜV Süd, konnten diese im Autohaus Frisch auf die vorhandenen Leichtmetallräder montiert werden.

Welche Lehren können aus den genannten Geschehnissen gezogen werden? Zunächst gilt es, die Beschwerde des Kunden ernst zu nehmen und nicht als dessen Überempfindlichkeit abzutun. Eine Probefahrt im Geschwindigkeitsbereich zwischen 80 und 120 Kilometer pro Stunde, also möglichst auch auf einer Autobahn, gibt Aufschluss. Bestätigt sich die Kundenbeschwerde, ist eine Reifenservicemaschine mit Zusatzfunktion zur Diagnose und Dokumentation hilfreich. Womöglich genügt zur puren Diagnose aber auch der Blick auf die Rotation des auf der Maschine befindlichen Rads. Bei der Dokumentation kann ggf. ein befreundeter Betrieb mit entsprechender Ausrüstung helfen. Es muss nicht sein, dass ein Fahrzeug, egal welchen Alters, über längere Zeit mit einer Unwucht, einem Höhenschlag oder einer inhomogenen Gummimischung unterwegs ist.